
Ist Kuba noch zu retten?
Es ist nun schon wieder 4 Jahre her, seit ich meinen ehemaligen Kollegen Raul aus Kuba auf der Internationalen Deutschlehrertagung in Wien traf. Ich hatte ihn als stämmigen, zur Fülle neigenden Burschen in Erinnerung, aber er war auffallend schlank geworden. Auf meine Frage, mit welcher Diät er seinen Körper traktiere, antwortete er mit gequältem Lächeln: „Wir haben einfach nicht genug zu essen, aber wir halten durch.“ Seitdem ist es nicht besser geworden mit der Versorgungslage in Kuba, ganz im Gegenteil.
Das bestätigte auch Professorin Raina Zimmering, die vom hiesigen Regionalbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einem Vortrag über Kuba eingeladen worden war. Am vergangenen Freitag, dem 25.9., fand die Veranstaltung unter dem Titel „Kuba im Fadenkreuz“ in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität August-Bebel-Straße 7 statt. Einleitend gab die Lateinamerika-Expertin einen kurzen Abriss der bewegten Geschichte Kubas vom Battista-Regime über die sozialistische Revolution unter Fidel Kastro und die Kuba-Krise von 1962 bis hin zum wachsenden politischen Einfluss der Exilkubaner. Vor allem ging sie auf die jahrzehntelange Embargo-Politik der USA ein, die mit dem 29. Januar 2026 eine weitere Eskalationsstufe erreichte, indem über Kuba ein absoluter Ölboykott verhängt wurde. Besonders zu Buche schlagen die ausbleibenden Öllieferungen aus Venezuela und Mexiko, die zusammen 60 % des kubanischen Ölbedarfs abgedeckt hatten. Dieser jüngste Boykott, flankiert durch weitere Sanktionen und Zwangsmaßnahmen – z.B. verbieten die USA westeuropäischen Firmen, in Kuba Investitionen zu tätigen – soll die Zuckerinsel endgültig in die Knie zwingen. Ohne Öllieferungen ist Kuba auf die Dauer praktisch nicht lebensfähig. Allein die ständigen Stromausfälle beeinträchtigen fast alle Daseinsbereiche und erschweren bis verhindern die Produktion dringend benötigter Konsumgüter.
Schon seit längerem muss das Land Abstriche an den sozialen Errungenschaften vornehmen, auf die es einmal mit Recht stolz gewesen ist: ein funktionierendes Gesundheitswesen, solide Bildung für alle, die Garantie einer ausreichenden Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, humane Arbeitsbedingungen und ein zwar bescheidenes, aber flächendeckend realisiertes Rentensystem. Als besonders trauriges Indiz für den Notstand ist die stark gestiegene Kindersterblichkeit zu nennen. „In den neoliberalen Medien wird gern behauptet, dieser Notstand sei in erster Linie eine Folge sozialistischer Misswirtschaft“, sagt Raina Zimmering, „aber in Wahrheit ist sie v.a. eine Folge der US-amerikanischen Embargopolitik.“ Auch die Erzählung über angeblich schwerreiche kubanische Parteifunktionäre diene nur der Diskreditierung des kubanischen Sozialismus-Experiments.
Mittlerweile ist der soziale Zusammenhalt der Kubaner brüchig geworden und der Einfluss von Teilen der kubanischen Exilgemeinde in den USA ist gestiegen. Viele Exilkubaner können bis heute über ihre Besitztümer auf Kuba verfügen und nutzen ihre finanziellen Möglichkeiten und ihre weltweit geknüpften Netzwerke, um die „Perle der Karibik“ von den Vorzügen nicht-sozialistischer, meist rechtskonservativer Reformmaßnahmen zu überzeugen. In diesem Sinne agiert auch Marco Antonio Rubio, der aktuelle amerikanische Außenminister mit kubanischen Wurzeln, der der nächste Präsident der USA werden möchte.
Die kubanische Regierung selbst ist gewillt, bestimmte Reformvorschläge aufzugreifen und hat kürzlich ein Konzept zur Wirtschaftsförderung vorgelegt, das darauf hinausläuft, die planwirtschaftliche Regulierung zu verringern und marktwirtschaftliche Mechanismen einzuführen, besonders im Immobilienbereich, in der Landwirtschaft, im Bankwesen, bei Tankstellen sowie im Gastronomie- und Tourismussektor. Die Maßnahmen „bedeuten aber keinen Verzicht auf den Aufbau des Sozialismus, sondern sind eine Voraussetzung für dessen Erhalt“, zitierte die Referentin am Schluss Manuel Cruz, den Premierminister Kubas. Ob das Donald Trump auch so sieht, ist fraglich, aber nicht der entscheidende Punkt seiner Haltung zu Kuba. Ihm kommt es darauf an, aus Kubas besonderer geopolitischer Relevanz den größtmöglichen Nutzen für die USA zu ziehen und sich den Zugriff auf Kubas Bodenschätze zu sichern. Kuba besitzt übrigens 40% der weltweiten Nickelvorkommen.
Uta Sändig

