Das Jugendforum Brandenburg und die einfachen Wahrheiten

Sie nennen sich “Rote Jugend“, „Revolution“, „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ)“, „Der Funke“, „Jugend für Sozialismus“, „Internationalistische Jugendkommune“ oder auch – mit ironischem Augenzwinkern – „Branne Bande“ und haben keine Bedenken, Begriffe aus dem Wortschatz des Marxismus-Leninismus und der Arbeiterbewegung zu gebrauchen, die von älteren Mitbürgern in der Mehrheit für endgültig diskreditiert oder überholt gehalten werden.

Sie nennen ihre Mitstreiter Genossen und sind davon überzeugt, dass nur ein gut organisierter, von den Massen getragener Klassenkampf die revolutionäre Umwandlung der kapitalistischen Ordnung in eine sozialistische bewirken kann. Sie sprechen von der alternativlosen Notwendigkeit einer solchen Revolution als dem einzigen Weg, den Untergang dieser Welt in Krieg und Chaos zu verhindern.

Wer nach dieser Beschreibung an ein spinnertes Trüppchen unreifer Radikalinskis denkt, der irrt gewaltig. Die knapp 70 Jugendlichen, fast alle zwischen 16 und 30, aus Brandenburg und Berlin, die am vergangenen Sonntag auf Einladung des „Jugendforums Brandenburg“ zum „Bildungskongress“ ins HdO gekommen waren, wollten sich in verschiedenen Vorträgen, Foren und Workshops weiterbilden und waren bereit, an diesem sommerlichen Apriltag ein anspruchsvolles Programm abzuarbeiten, das überwiegend von Vertretern aus ihrer Mitte realisiert wurde, den Vortrag von Dr. Sylvia de Pasquale, Leiterin der Gedenkstätten Brandenburg an der Havel, einmal ausgenommen. Es ging um Grundfragen der marxistisch-leninistischen Theorie, um die Geschichte der Arbeiterbewegung in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts und Gründe für ihre Zersplitterung, um Erinnerungskultur und um eine Demokratie ohne hierarchische Strukturen und Privilegien für eine Machtelite.

In den Pausen kam ich mit vielen Teilnehmern ins Gespräch, z.B. wollte ich gern wissen, wie sie zu ihrer Weltanschauung, die so gar nicht dem Mainstream entspricht, gekommen seien. Meine Vermutung, dass es sich oft um eine „vererbte“ Überzeugung handele, traf nicht zu. „Mein Vater ist Banker“, sagte ein junger Facharbeiter aus Berlin schmunzelnd und eine 17-jährige Gymnasiastin erklärte: „Ich habe lange gesucht, war erst im CVJM, dann bei den Grünen, … ­ aber schlussendlich fühlte ich mich bei den Sozialisten am wohlsten.“ „Die nennen die Dinge beim Namen“, ergänzte ihre Freundin, „die sagen: Soziale Gerechtigkeit verträgt sich nicht mit Ausbeutung und Frieden nicht mit Aufrüstung.“ Seltsam, dass vielen älteren Mitbürgern der Sinn für solche einfachen Wahrheiten abhandengekommen ist. Umso wichtiger, der Jugend zuzuhören und ihre Überlegungen ernst zu nehmen.

Das fällt nicht immer leicht, zumal wenn man seine eigene Lebenserfahrung in die Waagschale wirft: „Meint ihr wirklich“, so meine Frage an eine der Gruppierungen, „dass eine straff organisierte, in Theorie und Praxis optimal ausgebildete Gruppe von Berufsrevolutionären das geeignete Mittel ist, um zu einer Einheitsfront gegen den Neoliberalismus zu kommen? Würde damit nicht erneut, wie in der DDR, eine Diktatur der Bonzen entstehen, die ihr Staatsvolk gängeln und zwangsbeglücken und ansonsten mit der Mehrung der eigenen Privilegien beschäftigt sind?“ In einer anderen Runde wurde die Frage aufgeworfen, ob man nicht von einer unrealistischen Idealvorstellung des menschlichen Charakters ausgehe, der nur die richtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen brauche, um auf Egoismus, Missgunst, Gier und Intrige zu verzichten und sich nach den Regeln von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit zu entfalten. Auffällig sei doch nach der Wende gewesen, wie leicht sich die meisten Ostdeutschen von den Maximen einer „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“ verabschiedet hätten, wie schnell Gemeinsinn, Solidarität und die Sicht auf das „Große Ganze“ in den Hintergrund geraten seien.

Es gibt eben Fragen, die sich jede Generation erneut stellen muss und für deren Beantwortung der Rückgriff auf die Erfahrungen der Altvorderen nicht ausreicht, um die Zukunft zu meistern. Nach diesem Bildungskongress, den Jannis und seine Freunde vom Jugendforum souverän vorbereitet hatten, ist mein Vertrauen in die Kompetenzen unserer Jugend – jedenfalls ihrer fortschrittlichsten Vertreter – gewachsen: Sie werden geeignete Wege finden, um mit den Problemen fertigzuwerden, die wir ihnen eingebrockt haben.

Dr. Uta Sändig