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Andreas Fritsche, nd

Eine Blutlache im Schnee

Vor 25 Jahren ermordete ein Neonazi in Brandenburg den Punk Sven Beuter

Er wollte nur kurz Bier holen gehen – kurze Zeit später war Sven Beuter tot. Die Polizei unterschlug den politischen Hintergrund der Tat, wie so oft in den Baseballschlägerjahren. Aktivisten erinnern 25 Jahre später an das Hassverbrechen.

Andreas Fritsche  (neues deutschland, Ausgabe 15.02.2021)

Sven Beuter, ein Punk mit grünem Irokesenschnitt, sitzt mit Freunden in seiner Wohnung in Brandenburg/Havel und schaut Fernsehen. Als das Bier alle ist, macht er sich auf den Weg, um neues zu kaufen. Auf der Straße trifft der 23-Jährige den rechten Skinhead Sascha L., für den er eine »linke Zecke« ist. Angeblich hat der schmächtige Beute den stämmigen Sascha L. als »Nazischwein« beschimpft, so sagt L. später vor Gericht aus. Der Täter geht auf das Opfer los, das sich den Befunden der Gerichtsmedizin zufolge nicht gewehrt hat, nicht wehren konnte. Offenbar wurde Sven Beuter sofort bewusstlos geschlagen. Der Täter drischt weiter auf ihn ein, schleift ihn 50 Meter mit sich. Zwei Zeugen hören Lärm, sehen im Schnee eine Blutlache und eine rote Spur, der sie folgen. Sie finden vor der Havelstraße 13 einen Glatzkopf, der unentwegt sein am Boden liegendes Opfer mit Fußtritten malträtiert. Die beiden Männer überwältigen den Neonazi und rufen die Polizei. Doch es ist zu spät. Der ins Koma gefallene Sven Beuter wacht nicht mehr auf. Fünf Tage später erliegt er im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

25 Jahre ist das her, der brutale Übergriff geschah am 15. Januar 1996. Zum Jahrestag wollte die Initiative zum Gedenken an Sven Beuter mit einer Reihe von Veranstaltungen, mit einer Ausstellung und einer Demonstration an das Opfer rechter Gewalt erinnern. Mehrere Aktivisten hatten sich bereits im Sommer 2020 getroffen, um alles gründlich vorzubereiten, erzählt Daniel Herzog. Doch Ende vergangenen Jahres wurde klar, dass sie das meiste wegen der Corona-Bestimmungen nicht wie geplant umsetzen können. So sollte die Ausstellung »Kein schöner Land« des Vereins Opferperspektive in Brandenburg/Havel gezeigt werden. Sie informiert über Opfer rechter Gewalt in Brandenburg – auch über Sven Beuter. Doch die Ausstellung musste abgesagt werden. Auch andere Veranstaltungen fielen der Pandemie zum Opfer, immerhin drei davon konnten ins Internet verlegt werden. Zwei haben bereits stattgefunden, die dritte, eine Informationsveranstaltung über die rechtsesoterische Anastasia-Bewegung, findet am 18. Februar um 19 Uhr statt. Interessierte können sich per E-Mail anmelden (initiative-svenbeuter@riseup.net).

An diesem Montag, dem 25. Todestag von Sven Beuter, war auch eine antifaschistische Gedenkdemonstration geplant. Sie sollte am Brandenburger Hauptbahnhof starten und zur Havelstraße führen. Die Antifajugend mobilisierte bereits. »Wir mahnen«, hieß es im Aufruf, »die Auswirkungen menschenverachtender Ideologien nicht aus den Augen zu verlieren und stets unsere Stimmen gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung zu erheben.« Doch unter den Corona-Beschränkungen sind im Land Brandenburg derzeit keine Demonstrationen zugelassen, sondern lediglich Kundgebungen.

Also wurde entschieden, am 20. Februar um 13 Uhr am Tatort an der Havelstraße 13 eine Kundgebung zu veranstalten, erklärt Anmelder Daniel Herzog. Dort wird schon seit Jahren in kleinerem Rahmen an Beuter erinnert.

In der Ausstellung »Kein schöner Land« der Opferperspektive, die jetzt leider nicht gezeigt werden konnte, wird das Schicksal des gelernten Dachdeckers Sven Beuter geschildert: Er hatte bereits vor seinem Tod mehrere Attacken von Neonazis erlebt. Schon 1993 wurde er mit Baseballschlägern angegriffen und erlitt einen Schädelbruch. Das hatte schlimme Folgen. Er musste in der Nervenklinik das Sprechen neu lernen und behielt eine leichte geistige Behinderung zurück. Bei einem weiteren Überfall 1994 wurde sein rechter Arm verletzt und blieb steif. Wegen der massiven rechten Gewalt in Ostdeutschland werden die frühen 1990er Jahre auch als »Baseballschlägerjahre« bezeichnet. Polizei und Justiz ließen bei der Aufklärung solcher Fälle häufig jede Sensibilität vermissen. So auch bei Sven Beuter. Polizeipräsidium und Staatsanwaltschaft, so heißt es, teilten seinen Tod nur kurz mit und unterschlugen dabei den politischen Hintergrund des Verbrechens, der erst Monate später publik wurde.

Dabei war der Täter Sascha L. auch vorher schon mit einschlägigen Delikten in Erscheinung getreten. Wegen des Mordes an Sven Beuter wurde er zu sieben Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, er erhielt aufgrund von Trunkenheit (2,33 Promille) mildernde Umstände. Der Richter bescheinigt ihm eine »diffus faschistische Weltanschauung«. So diffus kann seine Gesinnung aber nicht gewesen sein. Der Täter war Neonazi und bleibt es. Nach seiner Haftentlassung wurde L. zwischen 2011 und 2019 mehrfach bei Naziaufmärschen gesichtet.


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