Links, sozial und konsequent

Die Justiz-Staatssekretärin Sabine Dorothea Stachwitz im Portrait

Nie im Leben hätte Sabine Stachwitz damit gerechnet, Staatssekretärin zu werden. Seit einem Jahr ist sie es. Sie war 66 und bereits ein Jahr im Ruhestand, als sie ein Anruf erreichte. Ob sie nicht Staatsekretärin werden wolle, wurde sie gefragt.

1991 war die Richterin vom Amtsgericht Münster nach Oranienburg abgeordnet worden. Als sie sich von dort zum 1. November 2008  in den Ruhestand verabschiedete, konnte sie auf spannende Jahre als Direktorin des Oranienburger Amtsgerichts zurückblicken. „Der Ruhestand fiel mir auch nach einem Jahr noch schwer“, sagt sie rückblickend. Sie fing zwar endlich an, polnisch zu lernen, arbeitete in verschiedenen Ehrenämtern, stellte aber doch fest: „Ich bin nur zufrieden, wenn ich verbindliche Arbeitszusammenhänge habe. So viele Ikebana-Kurse an der Volkshochschule kann ich gar nicht besuchen, um das zu schaffen.“

Sabine Stachwitz lacht, und ihr ganzes Gesicht lacht mit. Der Anruf im November 2009 kam für die unzufriedene Ruheständlerin also genau richtig. Kurzfristig traf sie sich mit dem designierten Justizminister Volkmar Schöneburg (DIE LINKE) in dessen Potsdamer Anwaltskanzlei. „Wir stellten fest, dass wir uns gut ergänzen würden.“ Nach dem Treffen sagte sie, „dann soll´s so sein!“ Ein Gespräch mit ihrem Mann rundete die Entscheidung ab. „Ich wollte wissen, ob er meinen Schritt nur klaglos ertragen oder mittragen würde – und er bekräftigte meinen Entschluss.“

Niemals im Leben hätte sie geglaubt, irgendwann im Justizministerium zu landen. „Das Ministerium war ja die Gummiwand, gegen die ich als Direktorin des Amtgerichts jahrelang gelaufen bin“, so Stachwitz. In Oranienburg konnte sie als Direktorin dafür sorgen, dass hierarchische Strukturen abgebaut wurden und die Mitarbeiter „auf Augenhöhe“ mit ihr kommunizierten. Soziale Kompetenz sei schließlich in der gesamten Justiz gefragt, vom Rechtspfleger über das Sekretariat bis hin zu Richtern, so ihre Meinung. Nun also Potsdam und damit ein anderer Ansatz: „Ich hatte in Oranienburg zwar immer ein hohes Rechtssprechungspensum, aber die kollegiale Zusammenarbeit mit allen Beschäftigten des Gerichts war mir genauso wichtig, wie meine Richtertätigkeit. Es freut mich sehr, dass die fachliche Arbeit der Mitarbeiter im Ministerium auf einem hohen und anspruchsvollen Niveau stattfindet und sehr sorgfältig erledigt wird.“

Seit einem Jahr fährt die Juristin nun mit der S-Bahn von Berlin-Schlachtensee nach Potsdam – so wie ehedem gen Oranienburg. Die Frühaufsteherin schätzt den morgendlichen Weg: „Ich gehe gerne mit den Menschen zur Arbeit.“
Wer Sabine Stachwitz kennenlernt, trifft auf eine selbstbewusste Frau, die viele Gedanken schon gedacht hat, präzise formuliert und sich nicht für den momentanen Schulterschluss auf unverbindliches Plaudern einlässt. „Pragmatisch nennt sie sich selbst, „left wing“ – linker Flügel – auch. Sicher eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit dem ersten Justizminister der LINKEN in der Geschichte der Bundesrepublik.

Pragmatismus zieht sich durch ihr Leben. Als sie – damals galt das noch als exotisch – als Studentin und Schon-Mutter im katholischen Münster Betreuung für ihr zweijähriges Studentenkind suchte, löste sie das anstehende Unterbringungsproblem konkret: Mit anderen Studenten-Eltern setzte sie gegen die Konservativen vom Ring Christlich- Demokratischer Studenten (RCDS) in der Universität eine studentische Kinderkrippe durch. „Deren inhaltliche Gestaltung durften wir sogar selbst bestimmen“, sagt sie und freut sich noch heute darüber.

Was für ein Muff unter den Talaren in der damaligen westdeutschen Gesellschaft herrschte, verdeutlicht die Tatsache, dass Sabine Stachwitz der Amtsvormundschaft für ihr Kind nur durch ihre Heirat entgehen konnte. Das geltende Recht sah das Mitte der 60er Jahre noch automatisch vor. Mit ihrem Mann ist sie – die in Oranienburg unzählige Ehen geschieden hat - seit 1966 glücklich verheiratet.

Sohn Philipp kam im gleichen Jahr zur Welt, Friedrich 14 Jahre später. Beide leben heute in Berlin, schön für die Eltern, die sich in Schlachtensee niedergelassen haben. Und welcher Ort erfüllt den Begriff Heimat für die gebürtige Dresdnerin? Aus Dresden ging die Familie 1954 fort. „In Folge des Aufstandes vom 17. Juni 1953. Damit war dann auch meine Kindheit zu Ende, das war nicht einfach.“ Ihr Abitur machte sie in Dortmund, studierte in München und Münster. „Ein großes Stück Heimat ist Münster, da haben wir 30 Jahre lang gelebt. Dort haben unsere politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten angefangen, dort haben wir immer noch viele Freunde“, sagt sie.
Nachdem sie 1991 in Brandenburg angekommen war, hatte sie schnell das Gefühl „back to the roots“ (Zurück zu den Wurzeln) „Mein Vater ist gebürtiger Berliner, und auch die Namen vieler Dörfer und Gemeinden in Brandenburg waren mir durch die Familiengeschichte sehr vertraut.“ Vom Vater hat sie auch gelernt, Autoritäten nicht zu fürchten: „Und wenn der Kaiser von China kommt“, hieß es bei ihm immer wieder. Bodenständig wirkt sie und sagt, es sei ihr wichtig, bei der Arbeit Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie nicht abheben lassen.

Dazu tragen wohl auch ihre vielfältigen gewerkschaftlichen und sozialen Aktivitäten bei. Ob das Engagement für minderjährige Mütter, die langjährige Sprechertätigkeit für die in ver.di organisierte Richterschaft oder in Podiumsdiskussionen zur Zukunft der Familie anlässlich des Internationalen Frauentages – Sabine Stachwitz nutzt ihr juristisches und politisches Wissen seit jeher für gesellschaftliches Engagement.
Im ihrem jetzigen Verantwortungsbereicht unterstützt sie die rechts- und justizpolitischen Ziele des Justizministers nach Kräften, sie steht wie er zum Erhalt der Gerichte im Land Brandenburg, für ein modernes Richtergesetz, das die Autonomie der Justiz gewährleistet, für eine menschenwürdige Sicherungsverwahrung und die Stärkung der Resozialisierung im Strafvollzug. Ganz wie es ihre Art ist: Pragmatisch, selbstbewusst und konsequent.
Und: Mit Oranienburg ist sie noch heute verbunden, nicht nur als Kolumnistin des Oranienburger Generalanzeigers.