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23. Dezember 2017 Dr. Uta Sändig

Zur Wiederaufstellung der Heine-Büste oder: Die kuriose Exegese eines Vierzeilers

Ich habe mich immer gefragt, von wem der Vierzeiler auf dem Sockel der Heine-Büste stammt. Von einem anonymen Bewunderer des Dichters oder von Heine selbst? Der Spruch schien ja um 1960, als die Büste aufgestellt wurde, wie die Faust aufs Auge des Zeitgeistes zu passen. Bei der Suche nach der Quelle hatte ich zunächst keinen Erfolg – Gesamtausgabe hin, google her –, aber dann kam Christian Liedtke, der Archivar des Heine-Instituts Düsseldorf, zu einem Vortrag nach Brandenburg und lieferte auf Nachfrage die Erklärung: Die Verse stehen in einer frühen Version von „Deutschland,  ein Wintermärchen“; die fragliche Passage wurde aber später von Heine verworfen und existiert überhaupt nur noch in zwei handschriftlichen Quellen.

Unser Vierzeiler gehörte offenbar in das Kapitel 23, das von Hamburg handelt, wo der Dichter nach dreizehn Jahren Abwesenheit seine alten Lieblingsplätze besucht. Darunter die Reeperbahn, die damals noch „Drehbahn“ hieß (weil dort Schiffstaue, in Seemannssprache „Reepe“, gedreht wurden). Die Drehbahn genoss schon damals einen zweifelhaften Ruf. In der Urfassung erkundigt sich Heine bei einer alten, zwielichtigen Bekannten – heute würde man sie vermutlich Puffmutter nennen – wo denn die vertrauten Huren geblieben sind, die er von damals kannte. Er bekam zur Antwort – und das ist der Text auf dem Sockel:         
        „Seitdem du uns verlassen hast
        hat manches sich hier verwandelt.
        Es wuchs ein junges Geschlecht heran,
        das anders fühlt und handelt.“

In der Endversion des Kapitels – und nur die liegt der Nachwelt gedruckt vor –  wird die Puffmutter zu Hamburgs Schutzgöttin umfunktioniert, zu „Hammonia“. Die beschreibt der Dichter folgendermaßen:
        „Und als ich auf die Drehbahn kam,
        da sah ich im Mondenschimmer
        ein hehres Weib, ein wunderbar
        hochbusiges Frauenzimmer.
        (…)
        Die weltlichste Natürlichkeit
        konnt man in den Zügen lesen,
        doch das übermenschliche Hinterteil
        verriet ein höheres Wesen.“

Der ironische Unterton beißt sich mit Hammonias Behauptung, „eine feine, anständ'ge, moralische Person“, also „nicht so eine“ zu sein. Gleichzeitig hegt Hammonia eine große Empathie für Hamburgs leichte Mädchen:
        „Du suchst die schönen Seelen vielleicht,
        die dir so oft begegnet
        und mit dir geschwärmt die Nacht hindurch,
        in dieser schönen Gegend.        
        (...)
        Du findest die holden Blumen nicht mehr,
        die das junge Herz vergöttert.
        Hier blühten sie – jetzt sind sie verwelkt
        und der Sturm hat sie entblättert.“

Im Gegensatz zum Vierzeiler der Urfassung kann man diese Verse wohl kaum nach Gutdünken umdeuten. Wie Karl Mertens, der Schöpfer der Heine-Büste, an die Urfassung gekommen ist, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Falls er den hier skizzierten Hintergrund kannte,  muss man ihn nicht nur für eine der schönsten Heine-Büsten, sondern auch für seine Schlitzohrigkeit bewundern.

Übrigens: Ich habe mich immer gefragt, wo die Verbindung zwischen Heinrich Heine und unserer Heimatstadt zu suchen ist. Vielleicht liegt die Antwort ja darin, dass Heines geliebtes Hamburg mit Brandenburg etwas gemein hat: Beide Städte